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MUSKELVERLUST - SARKOPENIE

Muskelverlust ist ein gefürchteter Vorgang im Alter. Abbau von Knochen- und Muskelmasse erhöhen das Sturzrisiko und das ist – Stichwort: Oberschenkelhalsbruch – oft der Eintritt in die Pflegephase verbunden mit erhöhter Sterblichkeit. Was kann man im Vorfeld dagegen unternehmen? Und welche Rolle können Apothekenprodukte spielen?

Mangelernährung und Sarkopenie im Alter

Schock! Die Großmutter ist gestürzt. Oberschenkelhalsbruch. Operation und Krankenhausaufenthalt. Zurück zu Hause und keine Besserung in Sicht. Sie kommt einfach nicht mehr auf die Beine. Im wahrsten Sinn des Wortes. Ein Szenario, das leider allzu häufig anzutreffen ist. Der Eintritt in die – von vielen alten Menschen so gefürchtete – Pflegephase ringt allen Betroffenen massiven Krafteinsatz ab, körperlich wie seelisch.

Wie konnte es so weit kommen? Nun, der Oberschenkelhalsbruch alleine wäre nicht das Problem. Was im Anschluss die Probleme verursacht ist die Gebrechlichkeit, der Muskelabbau, die geringen Reserven vieler alter Menschen. Sarkopenie und Frailty sind die beiden Fachbegriffe, die diesen Zustand beschreiben: Abbau von Muskelmasse und -kraft sowie damit einhergehende Gebrechlichkeit.

Muskelmasse und Muskelfunktion nehmen im Rahmen des normalen Alterungsprozesses ab dem 50. Lebensjahr kontinuierlich um etwa 1 bis 2 Prozent jährlich ab. Beeinflusst wird dieses Ausmaß von verschiedenen Faktoren: Erkrankungen, körperliche Inaktivität, Fehlernährung. Geht die Abnahme an Muskelmasse über den normalen Altersverlust hinaus, spricht man von Sarkopenie.

Mit Sarkopenie eng verbunden ist der Zustand der Gebrechlichkeit oder in der Fachsprache Frailty genannt. Damit ist die Abnahme funktioneller Reserven in physiologischen Systemen und die daraus resultierende verringerte Belastbarkeit des Organismus gegenüber Störfaktoren gemeint. Definiert ist Gebrechlichkeit durch körperliche Schwäche, rasche Ermüdbarkeit, verlangsamte Gehgeschwindigkeit, verminderte Aktivität sowie einen unbeabsichtigten Gewichtsverlust. Sind mindestens drei dieser fünf Faktoren erfüllt, spricht man von Gebrechlichkeit.

Sarkopenie und Gebrechlichkeit bedeuten somit für die Betroffenen erhebliche Einbußen der Le-bensqualität und Selbständigkeit. Die weitere Folge sind oft die Notwendigkeit von sozialen Hilfs-diensten (Heimkrankenpflege) oder die Aufnahme in ein Heim. Schnell wird klar, dass damit erhebliche Kosten nicht nur für den Einzelnen sondern auch für das Gesundheitssystem verbunden sind. Der Vorbeugung von Muskelmasseverlustkommt daher enorme Bedeutung zu. Was man in diesem Zusammenhang aktiv von Ernährungsseite her tun kann, wollen wir im Folgenden betrachten.

Rolle der Ernährung bei der Entstehung von Sarkopenie und Gebrechlichkeit

Neben Krankheitseinflüssen und verringerter körperlicher Aktivität kann eine unzureichende Ernährung den Abbau von Muskelmasse bzw. die Verschlechterung der Muskelfunktion verstärken. Und umgekehrt: Ein unzureichender Ernährungszustand verschlechtert wiederum die Sarkopenie. Ist die körperliche Funktion eingeschränkt, können Essenseinkauf und –zubereitung immer mühsamer bzw. ganz unmöglich werden. Oft ist es gebrechlichen Menschen nicht mehr möglich, Mahlzeiten eigenständig zuzubereiten. Abnehmender Bewegungsumfang verringert den Appetit. Das alles verschlechtert wiederum den Muskelzustand. Ein Teufelskreis.

Ernährungsfaktor 1: Energie

Die Muskulatur benötigt Energie nicht nur für Kontraktionen sondern auch für den eigenen Stoff-wechsel zum Erhalt der Muskelfunktion. Energiemangel kann zu Schwäche, Kraftlosigkeit und Ermüdung führen. Langfristig gesehen geht die Abnahme des Körpergewichts damit einher. Wobei nicht nur Fettreserven abgebaut werden, sondern eben auch Muskelmasse. Gerade im Alter.

Das Risiko, zu wenig Energie zuzuführen ist für ältere Menschen größer als für junge. Zum einen nimmt die Nahrungszufuhr aufgrund des sinkenden Grundumsatzes ab, aber auch, weil der Appetit mit dem Alter nachlässt. Dazu kommen häufig Kau- und Schluckbeschwerden, körperliche oder geistige Beeinträchtigungen, welche die Essenszubereitung erschweren sowie Einsamkeit, Depressionen oder finanzielle Beschränkungen. Schlimmer noch wird es, wenn chronische oder akute Erkrankungen, entzündliche Prozesse, Multimedikation oder Schmerzen dazukommen.

Ein Gewichtsverlust von 3% pro Jahr oder mehr ist mit einem deutlich erhöhten Risiko verbunden, die grundlegenden Aktivitäten des täglichen Lebens nicht mehr alleine durchführen zu können. Ein Body Mass Index (BMI) unter 20 geht mit geringerer Muskelkraft und eingeschränkter Selbständigkeit einh. Aber auch Übergewicht ist ein Risikofaktor. Viele ältere Menschen sind zwar adipös (krankhaft fettleibig) haben aber gleichzeitig eine reduzierte Muskelmasse. Dieses Phänomen nennt man sarkopene Adipositas. Diese Personen haben ein besonders hohes Risiko für körperliche Beeinträchtigungen und Mobilitätsstörungen. Kein Wunder, muss ihre reduzierte Muskelmasse doch gleichzeitig ein höheres Gewicht tragen.

Ernährungsfaktor 2: Eiweiß

Die Skelettmuskulatur besteht überwiegend aus Eiweiß. Die Muskelproteinsynthese (MPS) wird außerdem durch Nahrungseiweiß angeregt. Daher spielt Eiweiß bei der Vorbeugung von Sarkopenie eine herausragende Rolle in der Ernährung.

In vielen Studien hat man diesen Zusammenhang untersucht. Das Ergebnis war jedes Mal eindeutig: Eine zu geringe Eiweißaufnahme über die Nahrung führte zu messbaren Verlusten an Muskelmasse und Muskelkraft. Doch nicht nur die Eiweißmenge ist von Bedeutung, auch die Eiweißqualität. So weiß man, dass vor allem tierisches Eiweiß die Muskelmasse positiv beeinflusst. So war in einer Erhebung eine Eiweißzufuhr im Verhältnis von 75% tierischem zu 25% pflanzlichem Eiweiß mit einer größeren Muskeleiweißsynthese verbunden als das umgekehrte Verhältnis. Vor allem die essenziellen Aminosäuren (d.h. jene, die der Körper nicht selbst bilden kann und die daher über die Nahrung zugeführt werden müssen) und hier speziell die verzweigtkettigen Aminosäuren, vor allem Leucin, sind für den anabolen (aufbauenden) Effekt verantwortlich. Schnell verdauliches Eiweiß, wie etwa Molkeneiweiß, führt bei älteren Personen zu einem rascheren und stärkeren Anstieg der Aminosäurekonzentration im Blut und bewirkt eine größere Muskeleiweißbildung als sogenanntes „langsames“ Eiweiß, wie Kasein.

Nicht nur Qualität und Menge des Proteins spielen eine Rolle, sondern auch die Verteilung auf die Hauptmahlzeiten. Offenbar ist der Einfluss des Nahrungseiweißes auf die Muskelfunktion bei einer Verteilung auf die drei Hauptmahlzeiten und 80% der Eiweißmenge zur Mittagsmahlzeit am größten. Dagegen scheint es keinen Vorteil zu haben, bei einer Mahlzeit überdurchschnittlich hohe Eiweißmengen zuzuführen. Mehr als 30 g Eiweiß pro Hauptmahlzeit hat in Bezug auf Muskelerhalt und -aufbau keinen Vorteil.

Auch die Supplementierung mit Eiweißpräparaten zeigte in Studien keinen zusätzlichen Effekt – solange die Personen über die Nahrung ausreichende Eiweißmengen aufnahmen. Allerdings: Wenn die Nahrungszufuhr stark eingeschränkt ist, ist es wichtig, die Energie- und Eiweißzufuhr zu sichern. Hier bieten sich hochkalorische und eiweißreiche Trinknahrungen oder Aminosäurepräparate an. Dafür sprechen auch Studienergebnisse, die bei der Gabe von Aminosäuren positive Effekte auf Muskelkraft und Leistungsfähigkeit beschrieben.

Ernährungsfaktor 3: Vitamin D

Über die Rolle von Vitamin D in der Ernährung konnten Sie bereits in der letzten Ausgabe des PKA-Journals ausführlich lesen. Seit einiger Zeit ist bekannt, dass Vitamin D nicht nur ein reines „Knochenvitamin“ ist, sondern auch eine wesentliche Rolle bei der Muskelfunktion spielt. So existiert im Muskelgewebe ein Vitamin-D-Rezeptor, dessen Aktivierung die Muskelsynthese unterstützt.

Leider sind gerade bei älteren Menschen niedrige Vitamin-D-Serumwerte die Regel. Insbesondere in Pflegeheimen, wo die Zufuhr mit der Nahrung und die Möglichkeit sich im Freien aufzuhalten eingeschränkt sind (bekanntlich wird ja ein Teil des Vitamin D durch Sonneneinstrahlung in der Haut gebildet).

So ist gerade bei Vitamin D eine Supplementierung dringend anzuraten. Zumal die Deutsche Gesell-schaft für Ernährung (DGE) erst kürzlich die Zufuhrempfehlungen vervierfacht(!) und von 5 auf 20 µg pro Tag angehoben hat. Eine Menge, die durch übliche Nahrungsmittel praktisch nicht mehr erreichbar ist.

Ernährungsfaktor 4: Antioxidanzien

Bei der Abnahme der Muskelfunktion im Alter spielen entzündliche Prozesse eine große Rolle. Oxidativer Stress (z. B. durch entzündliche Erkrankungen, Umweltgifte, Rauchen...) schädigt die Erbsubstanz, Proteine und Fette in der Skelettmuskelzelle. Gleichzeitig werden dadurch Entzündungsvorgänge, der Eiweiß- und Muskelfaserabbau verstärkt.

Antioxidanzien, wie die Vitamine A, C und E, das Spurenelement Selen oder Karotinoide können vor diesen oxidativen Schädigungen schützen. Leider ist gerade im Alter die Versorgung mit Antioxidanzien oft eingeschränkt. Dies hängt u. a. damit zusammen, dass frisches Obst und Gemüse für Menschen oft schwierig zu kauen ist. Dazu kommt, dass durch das Warmhalten, wie es bei einer externen Mahlzeitenversorgung („Essen auf Rädern“) häufig nötig ist, gerade Antioxidantien rasch abgebaut werden.

Wird ein schlechter Antioxidanzienspiegel im Serum nachgewiesen und ist die Zufuhr antioxidativer Nährstoffe über die normale Nahrung nur unzureichend möglich, kann auch hier zu einer Supple-mentierung geraten werden. Die Dosierung sollte jedoch immer in Absprache mit einem Ernährungsexperten erfolgen, da eine exzessive Zufuhr von Antioxidantien rasch ins Gegenteil umschlagen kann – nämlich oxidative Vorgänge erst recht fördert.

Ernährungsfaktor 5: Omega-3-Fettsäuren

Omega-3-Fettsäuren wie die Alpha-Linolensäure oder die langkettigen Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) sind für ihre entzündungshemmenden Eigenschaften bekannt. Zwei Studien konnten sogar einen direkten Zusammenhang zwischen der Zufuhr an Omega-3-Fettsäuren und der Muskelkraft feststellen.

Doch auch die Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren mit der Nahrung lässt häufig zu wünschen übrig, weil gerade die langkettigen und besonders wirksame EPA und DHA praktisch nur in fettem Meeresfisch vorkommen. Zwar ist Fisch ein Lebensmittel, das leicht verdaulich und gut zu kauen ist, doch aufgrund der Erstickungsgefahr durch Gräten kommt Fisch in der Mahlzeitenversorgung für ältere Menschen oft nur selten auf den Speiseplan. Die Alternative: hochwertige Speiseöle, die reich an Alpha-Linolensäure sind, wie etwa Leinöl, Walnussöl oder Rapsöl. Auch hier kann eine Supplementierung– gerade wenn gleichzeitig Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorliegen – Sinn machen.

Quellenangabe

Siehe auch


 

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Letzte Aktualisierung am: 16.04.2013, 09:59 




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